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Projekt-Info

Mitwirkende

Lukas Vonnahme, Martin Graffenberger, Thilo Lang, Franziska Görmar

Dauer

10/2017 – 06/2019

Förderung

Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR)

Kontakt

Franziska Görmar
f_goermar(at)leibniz-ifl.de

Lukas Vonnahme
l_vonnahme(at)leibniz-ifl.de

Hidden Champions – Stabilisierungs- und Entwicklungsfaktoren von Kleinstädten in peripheren Lagen

Kleinstädte besitzen eine Schlüsselposition für die gleichwertige Entwicklung von städtischen und ländlichen Regionen und sind zentraler Bestandteil des polyzentrischen Städtesystems in Deutschland. Insbesondere Kleinstädte in peripheren Lagen sind häufig von sozioökonomischen Herausforderungen wie Strukturschwäche und nachteiliger demographischer Entwicklung betroffen. Allerdings lassen sich entgegen landläufiger Meinung auch hier besonders erfolgreiche Unternehmen, sogenannte Hidden Champions, finden. Wir haben mithilfe quantitativer Analysen und qualitativer Fallstudien untersucht, welchen Stellenwert die Unternehmen für die Entwicklung dieser Kleinstädte haben und inwieweit sie sich an der Stadtentwicklung beteiligen.

Die Studie wurde im Rahmen des Forschungsprogramms „Allgemeine Ressortforschung“ des Bundesbauministeriums durchgeführt und war vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) beauftragt. Sie knüpfte an Forschungen des IfL zu alternativen Perspektiven der Regionalentwicklung in strukturschwachen Regionen sowie zu mittelständischen Weltmarktführern an. Eine weitere Grundlage bildeten die Forschungen des BBSR zu den Potenzialen von Kleinstädten in peripheren Lagen sowie zur Situation und Zukunft der Kleinstädte in zentralen Lagen.

Ergebnisse/Publikationen

Die quantitative Analyse ergab, dass jeder fünfte der rund 1700 „heimlichen“ Weltmarktführer in Deutschland außerhalb der Verdichtungsräume beheimatet ist, 174 davon in 147 Kleinstädten in peripherer Lage. Überwiegend handelt es sich um alteingesessene Firmen mit durchschnittlich mehr als 500 Beschäftigten; die Mehrzahl sind Familienunternehmen in der verarbeitenden Industrie.

In unserer Studie haben wir drei dominante Typen der Hidden Champions identifiziert: (1) traditionsreiche, familiengeführte Mittelständler, für die eine enge und historisch gewachsene Verbindung zum Standort anzunehmen ist; (2) managementgeführte Industrieunternehmen sowie (3) kleinere, überwiegend recht alte, familiengeführte Industriebetriebe, die mit Nischenprodukten weltweit wettbewerbsfähig sind, allerdings über ein eher eingeschränktes Wachstumspotenzial verfügen.

Für die Bewertung der wirtschaftlichen Situation der Kleinstädte wurde ein Index aus fünf Indikatoren zu Humankapital, Demographie, Arbeitslosigkeit, Pendlersaldo und Gemeindesteuerkraft gebildet (mehr dazu auf der Projektseite des BBSR). Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die wirtschaftliche Situation in Kleinstädten in peripherer Lage mit Hidden Champions als durchaus positiv zu bewerten ist, insbesondere im Vergleich zu Kleinstädten in peripherer Lage ohne Hidden Champions.

Unsere qualitativen Analysen bestätigten diesen Befund. Hidden Champions tragen als lokale verwurzelte Unternehmen sowohl durch ihre wirtschaftlichen Kernaktivitäten als auch durch freiwilliges Engagement zur lokalen und regionalen Entwicklung bei. Sie sind besonders bedeutsam im Hinblick auf Erhalt und Schaffung von Arbeitsplätzen, Generierung von Kaufkraft und Steueraufkommen, überregionaler Strahlkraft sowie erfolgter oder anvisierter Unternehmensexpansion am Stammsitz. Mit ihren Aktivitäten tragen sie wesentlich zur Sicherung und Schaffung investiver Handlungsspielräume für die Kommunen sowie zur Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe bei. Darüber hinaus engagieren sich die Unternehmen zum Wohl der Stadt- und Regionalentwicklung in unterschiedlichen Handlungsfeldern und wenden dafür umfangreiche zeitliche und finanzielle Ressourcen auf. Wirkungen des Engagements sollen dabei zuvorderst dem direkten Unternehmensumfeld sowie der eigenen Belegschaft zugutekommen.

Als zentrale Handlungsfelder wurden die Bereiche Bildung, Kultur und Soziales identifiziert. Hier engagieren sich alle betrachteten Unternehmen auf unterschiedliche Weise, jedoch insbesondere mittels Zuwendungen durch Finanz- und Sachspenden (Corporate Giving), beispielsweise zur Unterstützung des lokalen Vereinswesens, sowie punktuell durch konkrete Projektdurchführung und -beteiligung (Corporate Volunteering: z. B. Kooperationen mit weiterführenden Schulen). Die Unternehmen tragen so maßgeblich zum Erhalt und Ausbau der Standortattraktivität bei. Eine Beteiligung an strategischer Stadtentwicklung und Stadtentwicklungsplanung (Corporate Support) bildet eher die Ausnahme.

Das Engagement der Unternehmen erfolgt nicht aus rein altruistischen Motiven, sondern ist von unterschiedlichen unternehmensbezogenen Eigeninteressen gesteuert, etwa im Hinblick auf die Fachkräftesicherung und -gewinnung. So gilt ein attraktives und lebendiges Unternehmensumfeld als wichtiger Standortfaktor. Die Beteiligung an strategischen Prozessen zur Stadtentwicklung kann allerdings erwünschte Folgeeffekte wie die Beteiligung weiterer Akteure und entsprechende Synergieeffekte nach sich ziehen.

Alle Fallstudien weisen auf die zentrale Bedeutung der Kommunikationsformate zwischen Verwaltung, Unternehmen und Bürgerschaft hin. Fördernd wirken sowohl institutionalisierte Kommunikationsformate (z. B. Unternehmerstammtische) als auch informelle Kommunikationskanäle, die den direkten Austausch zwischen örtlichen Akteuren ermöglichen. Dabei kann der persönliche Austausch über kurze Wege zwischen Vertretern aus Verwaltung, Unternehmen und Bürgerschaft in gewisser Weise als ein Spezifikum von Kleinstädten betrachtet werden.

Empfehlungen

Aus den Ergebnissen der Studie lassen sich folgende Empfehlungen ableiten:

  • Kommunen sollten sich als Impulsgeber für gesellschaftliche Kooperation und ein zukunftsfähiges und funktionierendes Gemeinwesen verstehen. Wichtige Impulse dazu liefert die Schaffung und fortlaufende Gestaltung lokaler Rahmenbedingungen wie personelle Ausstattung, Infrastrukturen, Strategieentwicklung, Strukturaufbau und Zuständigkeiten sowie Verbindlichkeiten in Prozessen.
  • Unternehmen sollten die Beteiligung an Stadtentwicklung und ihr freiwilliges Engagement als Chance zur aktiven Gestaltung ihres Unternehmensumfelds begreifen. Die Attraktivität des Standorts kann langfristig nur im Zusammenspiel von Kommunen, Unternehmen und Zivilgesellschaft gelingen.
  • Für die Politikberatung und staatliche Institutionen, z. B. in den Bereichen Stadtentwicklung, Städtebauförderung und Wirtschaftsförderung, erscheint es sinnvoll, Kommunen und Unternehmen für Themen kooperativer Stadtentwicklung zu sensibilisieren. Sowohl in gemeinsamen als auch in spezifisch auf die jeweilige Zielgruppe ausgerichteten Veranstaltungen (z. B. Transferwerkstätten) gilt es dabei insbesondere Reflexionsprozesse anzustoßen und den Mehrwert von Zusammenarbeit herauszustellen. Ergänzend dazu erscheinen zudem Formate zum Erfahrungsaustausch, zur Vermittlung und zur Verbreitung von Best Practices sinnvoll.

Dokumentationen

Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtentwicklung kamen im Projekt zu drei Workshops zusammen, um den Forschungsstand zur Rolle von innovativen Unternehmen für die Kleinstadtentwicklung sowie zu kooperativer Stadtentwicklung zu diskutieren, Forschungslücken zu identifizieren und die Ergebnisse des Projekts zu besprechen. Die Dokumentation der Workshops ist auf der Projektseite des BBSR abrufbar.

Näheres zum Vorgehen und den Ergebnissen ist außerdem nachzulesen im IfL-Blog und auf der Webseite des BBSR.

Zeitschriftenartikel

Graffenberger Martin (2019): Großstadt top! Kleinstadt Flop? Zur Zentrumsfixierung in gängigen Innovationsdebatten. Unternehmen Region 1/2019, S. 38–40. Volltext

Graffenberger, Martin / Vonnahme, Lukas / Brachert, Matthias / Lang, Thilo (2019): Broadening perspectives: innovation outside of agglomerations. In: Innovation-based regional change in Europe: chances, risks and policy implications. Stuttgart: Fraunhofer Verlag, S. 47–68. Volltext

Vonnahme, Lukas / Graffenberger, Martin / Görmar, Franziska / Lang, Thilo (2018): Kaum beachtet, gemeinsam stark – Versteckte Potenziale von Kleinstädten mit Hidden Champions. In: Informationen zur Raumentwicklung 6/2018, S. 38–49. Download (PDF / 2,3 MB)

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